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Überraschung

Autor: Harald Schneider

Sandras Geistesblitz war ein­leuch­tend. Der Kriechkeller war zwar auch am Rand ziem­lich feucht und roch genau so muf­fig wie im Innern des Irrgartens, die Kameraden ver­lo­ren aber kein Wort über die unge­müt­li­che Umgebung. Tapfer kämpf­ten sich alle vier durch das nied­ri­ge Gewölbe.

Marc hat­te die Führung über­nom­men und leuch­te­te den Weg. Kevin ließ den Mädchen den Vortritt und folg­te der Gruppe als Schlusslicht. Er hat­te die zwei­te Taschenlampe an sich genommen.

Im Prinzip war es ganz ein­fach, der Mauer zu fol­gen. Mit ihrer neu­en Taktik ereich­ten sie sehr bald eine Ecke des unter­ir­di­schen Labyrinths.

„Jetzt haben wir es bald geschafft!“, mach­te Kerstin den ande­ren Mut.

„Marc, wo bist du eigent­lich reingekommen?“

„Im Keller des Hauptgebäudes neben dem Fotolabor. Dort sind die Stromverteiler. Das ist zwar nicht die kür­zes­te Entfernung zu eurem Gefängnis gewe­sen, das Schulhaus war aber geöffnet.“

„Ich den­ke, wir soll­ten jetzt den erst­bes­ten Ausgang neh­men, den wir fin­den kön­nen. Und das wird das alte Schulhaus vor dem Hauptgebäude sein“, emp­fahl Sandra. „Vorausgesetzt, es gibt einen Zugang.“

Kevin grins­te: „Klar gibt es einen, wir müs­sen nur die Luke fin­den. Aus dem Schulhaus kom­men wir bestimmt irgend­wie raus. Ich habe doch mei­ne Dietriche im Rucksack.“

Die Schulkameraden waren froh und atme­ten erleich­tert auf, als sie nach eini­ger Zeit eine der heiß ersehn­ten Luken ent­deck­ten. Auch hier kamen direkt neben­an etli­che Wasserrohre und Stromleitungen aus der Wand. Marc, der als ers­tes den Ausgang erreich­te, war­te­te nicht auf die ande­ren, son­dern drück­te sofort den klei­nen Hebel nach unten. Auch die­se Tür ließ sich leicht öff­nen, von Rost war kei­ne Spur zu sehen.

In der Zwischenzeit waren auch die ande­ren zu ihm auf­ge­rückt und zwei Taschenlampen leuch­te­ten durch die geöff­ne­te Tür in den Schulkeller. „Mann, da ste­hen lau­ter alte Schulbänke und Stühle herum.“

„Klar, das ist das Lager unse­rer Schule. Das alte Schulhaus hat kei­ne Klassenräume im Keller. Da ist immer abge­schlos­sen“, erklär­te Kevin den anderen.

Tatsächlich wur­de der Raum bereits seit Jahren dazu genutzt, um altes Klassenzimmermobiliar zu lagern. Normalerweise hät­ten die alten Stühle und Tische längst auf den Sperrmüll gehört, doch Hausmeister Lampe hat­te eine Vorliebe für gebrauch­te Sachen und konn­te sich nicht von ihnen tren­nen. Aus die­sem Grund hat­te er sämt­li­che aus­ran­gier­ten Möbel, die irgend­wann durch neue ersetzt wur­den, in die­sem Raum untergebracht.

Die wil­den Vier schau­ten sich wei­ter um. Direkt unter­halb der Luke sahen sie eine ein­zel­ne Schulbank ste­hen. Es war ein ganz altes Modell, das noch Einkerbungen für Tintenfässer und Schreibgriffel besaß. Kevin rut­sche mit den Beinen vor­an durch die Luke, bis er nur noch mit den Händen am Rahmen des Ausstiegs hing. Dann sprang er den let­zen hal­ben Meter auf die Bank. Alles klapp­te prima.

Daraufhin folg­ten ihm der Reihe nach sei­ne Freunde. Kevin half den Mädchen mit einer Räuberleiter, in dem er sei­ne Hände zusam­men­fal­te­te, damit sie drauf­stei­gen konn­ten. So konn­ten sie sicher und bequem auf der Schulbank landen.

Total ver­schmutzt aber glück­lich stan­den sie nun im Möbellager von Herrn Lampe. Für eine Besichtigung des Inventars blieb ihnen kei­ne Zeit und Lust hat­ten sie im Moment auch nicht dazu. Die Ganoven waren wich­ti­ger und die Zeit dräng­te! Die Gauner muss­ten so schnell wie mög­lich gefasst werden!

Die Tür zum Kellerflur stand weit offen und so kamen sie ohne Probleme ins Treppenhaus, das hoch zum Erdgeschoss führ­te. Auf der obers­ten Treppenstufe ange­kom­men, ver­sperr­te ein Portal mit Milchglasfüllung den Weg ins Freie. Kevin han­tier­te zunächst sie­ges­ge­wiss mit sei­nem Bündel Dietriche an dem Schlüsselloch her­um. Doch bereits nach weni­gen Handbewegungen begann er rot anzu­lau­fen, vor Wut zu schnau­ben und laut zu fluchen:

„Verdammt noch mal, da kom­men wir nicht raus. Auf der ande­ren Seite steckt ein Schlüssel. Und mit dem Dietrich kann ich ihn nicht herausstoßen!“

Zornig stampf­te er mit sei­nem rech­ten Fuß auf. Ungläubig schau­ten die ande­ren ihren Freund an. So nah am Ziel und doch so weit ent­fernt! Was soll­ten sie jetzt machen? Wie kom­men sie bloß raus?

Kevin hat­te sich nach sei­nem Wutanfall schnell wie­der gefasst und prä­sen­tier­te den ande­ren über­ra­schend eine neue Lösung. „Kommt mit!“, befahl er sei­nen Freunden, die ihm gehor­sam nach unten in Richtung Keller folgten.

Das Treppenhaus mit der U‑förmig gewen­del­ten Treppe besaß auf hal­ben Weg ein Podest. Ein ziem­lich gro­ßes Fenster mit schwe­ren Holzrahmen befand sich direkt hin­ter dem Treppengeländer. Es sorg­te für aus­rei­chen­des Tageslicht im Treppenhaus. Dahinter befand sich ein offe­ner Lichtschacht, der im Vorgarten der Schule mündete.

„Jetzt drückt mal alle fest die Daumen, dass sich wenigs­tens das Fenster öff­nen lässt.“

Tatsächlich konn­ten sie das Fenster trotz sei­ner Größe pro­blem­los öff­nen. Mühelos schaff­ten es die vier, über das Geländer in den Schacht zu krie­chen. Es dau­er­te nur ein oder zwei Minuten, bis die Kameraden zwi­schen den dor­ni­gen Hecken im Vorgarten ihrer Schule her­aus­ge­schli­chen kamen.

Da stan­den sie nun: Völlig erschöpft und schmut­zig von Kopf bis Fuß. Sie über­leg­ten, ob sie gleich zur Polizei lau­fen soll­ten. Aber ihre Neugier war grö­ßer. Außerdem ver­mu­te­ten sie, dass die Polizei inzwi­schen durch Marcs Onkel Bescheid wuss­te und die Ganoven viel­leicht längst fest­ge­nom­men waren. Das muss­te auf jeden Fall geklärt wer­den. Sie lie­fen so schnell sie konn­ten am Schulhaus vor­bei, um zu dem geheim­nis­vol­len Gelände mit dem alten Gebäude zu gelangen.

Ein paar Passanten, denen sie unter­wegs begeg­ne­ten, schüt­tel­ten ver­ständ­nis­los den Kopf. Die wil­den Vier sahen aber auch tat­säch­lich ver­bo­ten aus.

Es war nur ein Katzensprung, dann stan­den sie vor dem gro­ßen Hoftor mit den kunst­vol­len Ornamenten. Es war nur ange­lehnt. Sie öff­ne­ten es einen Spaltbreit, um in den Hof schau­en zu kön­nen, Von die­sem Ort konn­ten sie den Transporter der Gauner vor dem Haus ste­hen sehen. Von der Polizei oder sonst jemand, der hel­fen konn­te, fehl­te jedoch jede Spur.

„Was machen wir jetzt?“, frag­te Kerstin die ande­ren, wäh­rend sie mit einem klei­nen Holzstückchen einen Lehmklumpen an ihrem Schuh ent­fern­te. Kevin war ganz auf­ge­regt und hek­tisch. Er ant­wor­te­te wie aus der Pistole geschossen:

„Ist doch klar. Wir schlei­chen rein und belau­schen die Gauner. Wir müs­sen bloß auf­pas­sen, dass wir mit­krie­gen, wann der Boss die­ser Bande anrückt.“

Kerstin erwi­der­te kopf­schüt­telnd: „Mensch, das ist viel zu gefähr­lich. Am Schluss neh­men uns die Halunken erneut gefan­gen und wir lan­den ein zwei­tes Mal in dem sti­cki­gen Keller. So gut hat es mir da unten nun auch wie­der nicht gefallen.“

Stirnrunzelnd über­leg­te sie einen Moment. „Oder wir machen es so: Marc bleibt hier drau­ßen und steht Schmiere. Die Schurken ken­nen ihn schließ­lich nicht. Wenn etwas schief geht, kann er die Polizei ver­stän­di­gen. Diesmal aber per­sön­lich. Das mit Elvis hat ja irgend­wie nicht so geklappt!“

Sandra und Kevin nick­ten zustim­mend über die akzep­ta­ble Idee mit der Vorsichtsmaßnahme. Nur Marc maul­te vor sich hin und ver­such­te, den Dalmatiner zu ver­tei­di­gen. Er woll­te dabei sein, wenn sei­ne Freunde los­zo­gen, um die Gauner zu belau­schen. Die ande­ren konn­ten ihn aber schließ­lich davon über­zeu­gen, da immer­hin ihre Sicherheit auf dem Spiel stand.

Gereizt und schlecht gelaunt bezog er eini­ge Meter von dem Hoftor ent­fernt sei­nen Posten.

Seine Kameraden schli­chen behut­sam und sehr vor­sich­tig auf das Gelände. Die vor­han­de­nen Nebengebäude nutz­ten sie geschickt zur Deckung. Lautlos kamen sie bald dar­auf hin­ter dem Haus an. Ohne ein Wort reden zu müs­sen, schiel­ten die drei abwech­selnd durch das Fenster, hin­ter dem sie die Halunken vermuteten.

Und tat­säch­lich, sie konn­ten das Gespräch in den Büroräumen belau­schen. Die Stimmen waren deut­lich zu ver­ste­hen. Zuerst unter­hiel­ten sich die Gauner über irgend­wel­che unin­ter­es­san­ten Dinge, doch auf ein­mal wur­de es rich­tig spannend.

„Die zwei Stunden sind schon längst vor­bei. Langsam könn­te der Boss end­lich auf­tau­chen“, konn­ten sie einen der Männer deut­lich sagen hören.

„Ja, es wird Zeit. Die Kisten haben wir längst in die Scheune geschleppt. Da ste­hen sie gut bis zum nächs­ten Mittwoch. Wo steht eigent­lich die Truhe mit den Uhren?“, unter­brach die Frau das Gespräch ihrer bei­den Komplizen.

Karl schien völ­lig über­rascht zu sein, dann wur­de er ganz ver­le­gen: „Mist, das habe ich ganz ver­ges­sen. Die Kiste steht noch immer im Keller!“

“Was? Bist du völ­lig über­ge­schnappt? Wie kann so etwas nur pas­sie­ren? Bin ich denn nur von Idioten umge­ben? Geh’ sofort run­ter und hole die­se ver­damm­te Truhe hoch. Hoffentlich haben die Kinder die Uhren noch nicht ent­deckt!“, schimpf­te die Frau auf­ge­bracht und ihre Stimme schien sich dabei fast zu überschlagen.

Die drei, die immer noch ange­strengt vor dem Fenster lausch­ten, konn­ten eini­ge Minuten nichts hören, bis sie eine auf­ge­reg­te Männerstimme ver­neh­men konn­ten. „Die Kinder sind fort! Einfach weg! Spurlos verschwunden!“

„Spinnst du? Wo sol­len die denn hin­ge­gan­gen sein? Die kön­nen sich doch nicht in Luft auf­ge­löst haben. Um in den Keller zu kom­men, gibt es nur die­sen Zugang, und der war die gan­ze Zeit ver­schlos­sen. Sind die Uhren wenigs­tens noch da?“

„Ja, die haben die Uhren aber ent­deckt. Die Kinder haben die Truhe auf­ge­bro­chen, die Armbanduhren lie­gen zum Glück noch drin. Doch das ist im Moment völ­lig unwich­tig. Ich kann die drei nir­gend­wo finden!“

„Muss man hier alles sel­ber machen!“, hör­te man die Frau schimp­fen. „Kommt mit mir in den Keller, wir suchen sie gemein­sam. Die haben sich bestimmt in einem Schrank oder hin­ter dem Gerümpel versteckt.“

Kerstin wag­te es, ihren Kopf ein wenig zu heben, um bes­ser durch das Fenster schau­en zu kön­nen. Sie sah, wie die gan­ze Ganoven-Clique durch die Kellertür verschwand.

„Schnell, kommt. Die sper­ren wir im Keller ein!“, flüs­ter­te sie und rann­te los, um mög­lichst schnell in das Haus zu gelangen.

Sandra und Kevin reagier­ten sofort und folg­ten ihr so schnell es ging. Die Gelegenheit war güns­tig. Als sie an der Kellertüre ange­kom­men waren, hör­ten sie die tie­fen Stimmen der Ganoven, wie sie laut und zor­nig schimp­fend das ehe­ma­li­ge Gefängnis der drei Freunde absuchten.

Kerstin grins­te ihre bei­den Freunde an und sag­te: „Wartet eine Sekunde. Die Gauner haben noch eine klei­ne Abreibung ver­dient.“ Mit die­sen Worten ver­schwand sie auf der Kellertreppe. 

Ihre bei­den Kameraden erschra­ken und woll­ten sie zurück­hal­ten, doch da sahen sie, wie ihre Freundin auf einen Schalter an der Kellerwand drück­te. Das Licht im Keller ging aus. Im glei­chen Moment kam Kerstin zurück und zog die Tür zu. Unerwartet öff­ne­te sie die Kellertür erneut einen Spaltbreit und schrie kraft­voll „Überraschung!“ in den dunk­len Keller, bevor sie den Zugang end­gül­tig zusperrte.

„Mensch, sind die blöd!“, tri­um­phier­te Kevin und hielt das geöff­ne­te Vorhängeschloss in der Hand, das er auf einem Tisch neben der Treppe gefun­den hat­te. Voller Schadenfreude ver­sperr­te er damit den Gangstern den Ausgang aus ihrem Verlies.

„So, das hät­ten wir geschafft. Jetzt kön­nen wir in Ruhe die Polizei ver­stän­di­gen. Ich den­ke nicht, dass die da unten den Zugang zum Kriechkeller ent­de­cken werden.“

Sandra trat ner­vös von einem Bein aufs ande­re. „Am liebs­ten wür­de ich noch wis­sen wol­len, was sich in den Kisten in der Scheune befindet.“

„Du hast recht. Das geht ja auch schnell!“

Neugierig ver­lie­ßen die jugend­li­chen Helden das Haus, um zur Scheune zu lau­fen. „Sollen wir Marc vor­her Bescheid sagen?“, frag­te Sandra ihre Kameraden.

„Ne, lass mal. Wir müs­sen schließ­lich nach wie vor höl­lisch auf­pas­sen. Der Gangsterboss kann jeder­zeit auftauchen.“

Als sie im Schuppen anka­men, sahen sie ein ver­trau­tes Bild. Neue Kartons waren auf den Holzpaletten gesta­pelt und stan­den an der glei­chen Stelle wie neu­lich. Kevin ging auf die Paletten zu. Er hat­te sein Klapptaschenmesser in der Hand und stach damit in die dicke Folie, mit der die Kisten ver­packt waren. Er muss­te sich ziem­lich anstren­gen, um die Hülle weit genug auf­zu­schlit­zen, damit er die Pakete öff­nen konn­te. Zum Glück waren die nicht auch noch ver­klebt, son­dern lie­ßen sich ein­fach aufklappen.

„Kleider!“, bemerk­te Kevin über­rascht, als er in den ers­ten geöff­ne­ten Behälter schau­en konn­te. „Das ver­ste­he ich nicht. Da muss doch irgend­was Wertvolleres ver­steckt sein. Die Kleider wur­den bestimmt zur Tarnung oben draufgelegt.“

Er leer­te die kom­plet­te Kiste aus, fand aber außer den Kleidungsstücken nichts ande­res. Kevin gab so schnell nicht auf. Er öff­ne­te wei­te­re Kisten, jedes Mal mit dem glei­chen Ergebnis. Kevin ver­stand die Welt nicht mehr.

Kerstin hat­te die Aktion neu­gie­rig beob­ach­tet. Sie unter­such­te die ver­streut lie­gen­de Kleidung. Es han­del­te sich vor allem um Herrenanzüge, aber auch T‑Shirts und Pullover waren dar­un­ter. „Du kannst auf­hö­ren, Kevin, du wirst kei­ne ande­ren Sachen mehr fin­den. Ich kann dir genau sagen, was die Ganoven mit der Kleidung vorhaben!“

Sandra und Kevin blick­ten sie über­rascht an. „Nun sag schon, was soll das Ganze mit den Bergen von Klamotten?“

„Schaut euch die Sachen mal genau­er an. Ich bin zwar kein Experte, bin mir aber sicher, dass es sich um wert­vol­le Designerware han­delt. Aber kei­ne ech­te, son­dern gefälsch­te. Die Klamotten sind wahr­schein­lich irgend­wo im Ausland bil­lig kopiert wor­den und sol­len jetzt bei uns ein­ge­schmug­gelt werden.“

Sandra woll­te sie unter­bre­chen, doch Kerstin fuhr mit ihren Erklärungen fort: „Mit den Armbanduhren die im Keller lie­gen, wird es genau­so sein. Billige Kopien sol­len als Markenuhren teu­er ver­kauft wer­den. Ein Riesengeschäft für Betrüger. Und hier lagern sie die Ware, bis sie zum Händler gebracht wird.“

„Das ist ja ein Ding!“, Kevin war ganz ver­blüfft. „Dann lasst uns mal ruck­zuck zur Polizei gehen. Das wird eine schö­ne Überraschung geben!“

Sie mach­ten sich auf den Weg und waren gera­de dabei die Scheunentür zu öff­nen, da stand unver­mit­telt ein Mann vor ihnen. Er war unge­wöhn­lich groß, min­des­tens 1,90 Meter und sehr breit­schult­rig. Seine lan­gen schwar­zen Haare, die mit viel Gel bear­bei­tet waren, hat­te er zu einem Zopf zusam­men­ge­bun­den. Auf der rech­ten Wange konn­te man eine lan­ge Narbe erken­nen. Sein dunk­ler Anzug ließ ihn gefähr­lich wir­ken. Genauso wie sein furcht­ein­flö­ßen­der Blick. Doch das war nicht das ein­zi­ge Problem der Kameraden. Der Mann hielt eine Pistole in der Hand, die auf sie gerich­tet war.

„Was haben wir da für lie­be klei­ne Kindlein?“, frag­te er kalt lächelnd. „Ich habe gedacht, ihr habt es euch im Keller gemüt­lich gemacht? Haben die Waschlappen nicht rich­tig auf­ge­passt und euch ent­wi­schen las­sen? Na, denen wer­de ich mal gehö­rig was erzählen!“

Die drei blie­ben wie ver­stei­nert ste­hen. Damit hat­ten sie auf kei­nen Fall gerech­net. Wo war Marc? Warum hat­te er sie nicht gewarnt? War er wenigs­tens in Sicherheit? Sie brauch­ten eini­ge Zeit, um sich wie­der zu fassen.

„Na, hat es euch die Sprache ver­schla­gen?“, fauch­te der Mann, des­sen Pistole immer noch auf sie gerich­tet war. „Erzählt mir lie­ber gleich, was pas­siert ist. Wo sind mei­ne Kumpels?“

Als der Gaunerboss bemerk­te, dass er auf die­se Weise nicht wei­ter­kam, wur­de er noch wüten­der. „Ihr habt einen gewal­ti­gen Dickschädel, was? Okay, dann gehen wir gemein­sam rüber ins Haus und schau­en uns an, was dort los ist. Aber immer schön lang­sam und vor­sich­tig. Ich den­ke ihr wisst, was ich da in der Hand halte.“

Um sei­ne Worte zu unter­strei­chen, wink­te er mit der Waffe in Richtung Haus. Sandra, Kerstin und Kevin hat­ten kei­ne ande­re Wahl. Sie muss­ten der Aufforderung des Gangsters fol­gen und in Richtung Bürogebäude gehen. Hinter dem Transporter konn­ten die drei das Auto des Mannes ste­hen sehen. Es war ein wei­ßes Cabriolet mit schwar­zem Verdeck.

Kaum waren sie über die Türschwelle des Hauses getre­ten, da rief der Boss laut­stark nach sei­nen Kumpanen. „Karl, Andrea, wo seid ihr? Was ist hier los?“

Ein wil­des dump­fes Klopfen war zu hören. Zunächst konn­te der Ganovenchef damit nicht viel anfan­gen. Er kom­man­dier­te die Kinder mit sei­ner Waffe durch die Räume, bis sie vor der Kellertür ange­langt waren. Nun war ihm klar, was das Klopfen zu bedeu­ten hat­te. Durch die Tür hör­te er eine gedämpf­te Stimme: „Mach auf. Jemand hat uns im Keller eingesperrt!“

„Dann rückt mal sofort den Schlüssel raus“, befahl der gro­ße Mann den Jugendlichen. Als die drei nicht reagier­ten, fuch­tel­te der Mann bedroh­lich mit der Waffe in der Hand. Die drei erschra­ken. Kevin, berühmt für sei­ne Einfälle, ant­wor­te­te dem Gauner: „Den haben wir nicht mehr. Ich habe den Schlüssel in der Scheune weggeworfen!“

Der Gauner sah ihn miss­trau­isch an und zöger­te einen Moment. Dann nahm er ihm die Geschichte ab. Wütend fluch­te er vor sich hin. „Ich wuss­te es. Immer wenn Kinder im Spiel sind, geht irgend­et­was schief. Aber ihr funkt uns garan­tiert nicht mehr dazwischen.“

Mit der Pistole in der Hand for­der­te er sie auf, ein Stück nach hin­ten zu gehen. Fliehen konn­ten die drei nicht, da der Mann den ein­zi­gen Ausgang des Büros mit sei­nem brei­ten Körper ver­sperr­te. „Ihr da unten, könnt ihr mich ver­ste­hen?“, schrie er mit einem Blick zur Kellertüre.

„Ja, Chef, es ist zwar etwas undeut­lich, aber wir hören dich. Die Kinder müs­sen uns ent­kom­men sein! Hast du sie gesehen?“

„Ihr Pfeifen, selbst­ver­ständ­lich habe ich die Rotzlöffel erwischt. Ich bin ja nicht so blöd wie ihr und las­se mich von drei Kindern ver­la­den! Geht mal ein biss­chen aus dem Weg, ich ver­su­che, die Tür einzutreten!“

Der Schmugglerboss stell­te sich unge­fähr einen Meter vor der Tür in Position und hol­te mehr­mals tief Luft. Dann hob er sein rech­tes Bein, press­te mit einem lau­ten Schrei die Luft aus sei­nem Brustkorb und trat mit der fla­chen Schuhsohle mit vol­ler Wucht gegen das Türblatt. Die Tür gab sofort nach, das Holz split­ter­te und es krach­te fürch­ter­lich. Der Mann muss­te ein zwei­tes und ein drit­tes Mal tre­ten, bis die Tür end­lich nach­gab und fast kom­plett die Treppe runterpolterte.

Gleich dar­auf kamen die eben noch ein­ge­sperr­ten Gauner die Treppe hoch gerannt. „Wo hast du die Kids auf­ge­ga­belt, Boss?“, sprach Andrea ihren Chef an.

„Erzählt mir lie­ber, was ihr da unten gemacht habt! Karl hat mir am Telefon gesagt, dass ihr die Kinder im Keller ein­ge­sperrt habt. Dann kom­me ich hier­her und sehe sie in der Scheune fröh­lich her­um­sprin­gen. Und damit nicht genug. Sie haben ein paar der Kisten geöff­net und die gesam­te Ware entdeckt!“

„Wir wis­sen selbst nicht, wie das pas­sie­ren konn­te“, ent­geg­ne­te Karl. „Ich woll­te nur die Truhe mit den Uhren im Keller holen, da habe ich ent­deckt, dass die Kinder auf ein­mal ver­schwun­den waren. Oben war die gan­ze Zeit das Vorhängeschloss ein­ge­schnappt. Und wir saßen direkt vor der Tür in die­sem Büro.“

„Na, ist jetzt auch egal“, wink­te der Gaunerboss sicht­lich ver­är­gert ab. „Hauptsache, wir haben die Ausreißer zurück. Und dies­mal sor­ge ich per­sön­lich dafür, dass sie nicht erneut ver­schwin­den kön­nen. Jetzt werft sie erst mal wie­der in den Keller und bewacht die Treppe, ich wer­de sie aber vor­her höchst­per­sön­lich fesseln.“

Karl und sein Kollege waren gera­de dabei, den Befehl aus­zu­füh­ren, sie hiel­ten die drei Freunde bereits an ihren Armen fest, damit der Boss sie fes­seln konn­te, da hör­ten sie hin­ter sich eine frem­de Stimme ertönen:

„Ich wür­de das an eurer Stelle sein las­sen!“ Alle blick­ten erstaunt in Richtung Eingang. Dort stan­den meh­re­re Polizisten mit gezück­ten Waffen in den Händen.

Völlig ver­blüfft ließ der Gaunerchef sei­ne Pistole fal­len und starr­te die Gesetzeshüter fas­sungs­los an. Die Ganoven waren noch mehr erstaunt, als hin­ter den Polizeibeamten ein wei­te­rer Junge zum Vorschein kam.

„Das sind die Gauner, Herr Kommissar Greulich. Die haben mei­ne Freunde im Keller ein­ge­sperrt. Und ich habe sie befreit!“, rief Marc erregt, und sei­ne zitt­ri­ge Stimme über­schlug sich dabei.

„Immer lang­sam, mein Freund“, beru­hig­te der Angesprochene den jugend­li­chen Held. „Erst müs­sen wir alles genau unter­su­chen. Wir sind eben erst angekommen.“

Und zu den Ganoven gewandt sag­te er: „Was haben Sie hier zu suchen? Habe ich das rich­tig ver­stan­den, Sie woll­ten die Kinder gera­de fesseln?“

Karl und dem ande­ren Mann lief der Schweiß den Nacken her­un­ter. Ihr Boss blieb jedoch cool und wirk­te ruhig und gefasst. „Glauben Sie den klei­nen Kindern kein Wort. Die haben immer so eine aus­ge­präg­te Fantasie. Die Wahrheit sieht ganz anders aus. Wir sind mit unse­ren bei­den Autos nur zufäl­lig vor­bei­ge­kom­men. Wir waren unter­wegs nach Frankfurt. Unser Transporter mach­te gleich zu Beginn der Fahrt ein paar Mucken, sodass wir eine Werkstatt suchen woll­ten. Auf die­sem Gelände hat­ten wir eine ver­mu­tet, des­halb sind wir mit unse­ren Autos hier reingefahren.“

Der Gangster hol­te tief Luft und erzähl­te wei­ter. „Wir haben gleich bemerkt, dass wir uns geirrt haben und woll­ten gera­de wie­der wen­den, da sahen wir die Kinder her­um­sprin­gen. Wir woll­ten nach­schau­en, was los ist und wur­den dann in die­sem Büro von den Gören belei­digt. Wir woll­ten sie nur etwas erschre­cken. Im sel­ben Moment sind Sie und Ihre Kollegen gekom­men. Es tut uns ja auch sehr leid, aber wir haben wirk­lich nichts Böses mit den Kindern im Schilde geführt.“

Kevin, Kerstin und Sandra sahen sich ruhig an. Solch eine Lügengeschichte hat­ten sie nicht mehr gehört, seit sie in der Schule über Baron Münchhausen gespro­chen hat­ten. Sie blick­ten gespannt zu Kommissar Greulich, um auf sei­ne Reaktion zu war­ten. Er lächel­te den Dreien ermu­ti­gend zu und beru­hig­te sie damit.

„Gehen wir erst­mal alle mit­ein­an­der in den Hof, dann sehen wir wei­ter“, sag­te Herr Greulich und ließ den Ganoven, die von den ande­ren Beamten scharf bewacht wur­den, den Vortritt.

Im Hof befan­den sich neben dem Transporter der Schmuggler und dem Auto des Bandenbosses meh­re­re Polizeifahrzeuge. Sogar ein Krankenwagen stand für even­tu­el­le Notfälle bereit.

„Das sind also die bei­den Wagen, mit denen sie eben hier ange­kom­men sind. Schauen wir uns zuerst ein­mal den Transporter an.“

Mit die­sen Worten öff­ne­te der Kommissar die gro­ße Heckklappe des Kleinlasters. Er war leer. Nur ein paar Folienreste lagen wild ver­streut auf dem Boden des Wagens.

Sandra konn­te sich nicht mehr zurück­hal­ten. „Die Kartons mit den Designerklamotten ste­hen in der Scheune!“

Mit ihrer lin­ken Hand deu­te­te sie in die ent­spre­chen­de Richtung. „Und im Keller des Hauses, in dem wir ein­ge­sperrt waren, steht eine Kiste, die bis zum Rand mit Armbanduhren gefüllt ist.“

Die Ganoven zuck­ten zusam­men. Nur ihr Boss blieb wei­ter­hin cool und erwi­der­te: „Pah, was gehen uns die Kisten an. Das hat mit uns nichts zu tun. Wer weiß, wem die gehö­ren. Wie gesagt, Herr Kommissar, wir sind erst vor fünf Minuten mit unse­ren bei­den Wagen hier angekommen.“

Jetzt war es Kevin, dem die Geduld platz­te. „Die lügen wie gedruckt. Ich kann ein­deu­tig bewei­sen, dass der Transporter schon seit Stunden im Hof steht!“

Frage: Wie konn­te Kevin bewei­sen, dass der Transporter schon län­ge­re Zeit im Hof stand?

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