Cover Die wilden Vier und der Schatz im Rathauskeller

Die merk­wür­di­ge Karte 

Autor: Harald Schneider

Nachdem Kerstin zum zwei­ten Mal vom Telefon zurück­kam, erzähl­te sie freu­de­strah­lend von ihrem Telefonat: „Die Nummer war dies­mal ein Volltreffer, Marc. Wie hast du das nur gewusst?“

Marc woll­te gera­de etwas sagen, da fiel Kevin sei­nem Freund ins Wort und ent­geg­ne­te frech: „Klar wuss­te er es. Er badet schließ­lich jeden Samstag in dem Zeug!“

Im ers­ten Moment schau­te Marc etwas böse drein, doch dann bemerk­te er, dass er bloß auf den Arm genom­men wur­de. „Ich bade wenigs­tens regel­mä­ßig“, ant­wor­te­te Marc. „Bei dir dage­gen hält sogar Elvis min­des­tens zwei Meter Geruchsabstand!“

Wie auf Kommando schau­te Elvis auf. Bis jetzt hat­te er ruhig in einer Ecke gele­gen und vor sich hin­ge­döst. Nun stand er auf, lief zu Kevin, schnup­per­te an ihm und fing an zu niesen.

Kevin schau­te ungläu­big aus der Wäsche, wäh­rend sich sei­ne drei Freunde vor Lachen die Bäuche hielten.

„Elvis, du bist wirk­lich die schärfs­te Nummer“, sag­te Sandra, nach­dem sie sich wie­der etwas beru­higt hat­te. „Manchmal den­ke ich, du kannst Gedanken lesen.“

„Wuff“, bell­te der Dalmatiner und fing erneut an zu niesen.

„Jetzt erzähl end­lich, Kerstin“, ver­such­te Kevin auf das Telefongespräch zurück­zu­kom­men. „Was hat die Marsanek gesagt?“

„Alles im grü­nen Bereich, Leute. Frau Marsanek scheint schwer in Ordnung zu sein. Sie mach­te am Telefon einen sehr sym­pa­thi­schen Eindruck. Im Übrigen hat Daniel ihr schon von uns berichtet.“

„Oh ver­dammt. Das kann nur schief gehen. Der Tollpatsch Daniel hat ihr bestimmt gesagt, dass wir nur den Schatz fin­den wollen.“

„Du wirst lachen, genau das muss er sei­ner Tante gesagt haben.“

„Und nun? Die glaubt jetzt, dass wir ver­rückt sind. Wenn Daniel mit sei­nen Übertreibungen ein paar unse­rer Streiche erzählt hat, will die bestimmt nichts mit uns zu tun haben.“

„Da kann ich dich beru­hi­gen. Sie hat sich über unse­ren Anruf sehr gefreut. Und jetzt kommt das Tollste: Sie hat uns für mor­gen Mittag zum Tee ein­ge­la­den. Und Kuchen gibt es auch.“

„Wuff“, mach­te sich Elvis wie­der bemerk­bar. Alle lachten.

„He Elvis, du hast das falsch ver­stan­den. Der Kuchen ist für uns und nicht für dich. Dich wer­den wir daheim­las­sen müs­sen“, bemerk­te Marc.

„Auch wie­der falsch. Frau Marsanek hat nichts dage­gen, dass wir unse­ren Schlingel auf vier Beinen mit­brin­gen. Habe ich alles abgeklärt.“

„Hat sie noch etwas zu dir gesagt?“, frag­te Kevin. „Wie viel weiß sie denn über den Schatz?“

„Nicht viel. Sie glaubt selbst nicht so recht an die gan­ze Sache. Auf jeden Fall will sie uns mor­gen alles in Ruhe erklä­ren. Wir sol­len aller­dings nicht all­zu gro­ße Erwartungen haben. Sonst wären wir nach­her nur umso mehr enttäuscht.“

„Na wun­der­bar!“, Marc freu­te sich sicht­lich. „Endlich mal wie­der ein neu­es Abenteuer für die wil­den Vier!“

Pünktlich zur ver­ab­re­de­ten Zeit stan­den die wil­den Vier mit Elvis vor dem Haus von Jutta Marsanek. Es war eine alte Villa aus der Gründerzeit mit vie­len deko­ra­ti­ven Verzierungen im Mauerwerk. Noch bevor sie auf die alte Türklingel am Torpfeiler drü­cken konn­ten, wur­de die Haustür geöff­net und Daniel schrie ihnen durch den Vorgarten ent­ge­gen: „Na kommt schon. Wo bleibt ihr so lan­ge? Ich war­te schon eine Ewigkeit auf euch!“

„So lan­ge kann’s wohl nicht gewe­sen sein“, rief Sandra zurück. „Oder hast du heu­te mor­gen etwa wegen uns die Schule geschwänzt?“

Mittlerweile hat­ten die Jugendlichen das Haus fast erreicht. Elvis schnüf­fel­te hart­nä­ckig an einem Busch neben dem Weg. „Komm schon Elvis, lass das. Da ist nichts für dich.“ Nur mit ziem­li­cher Kraftanstrengung konn­te Marc sei­nen Dalmatiner von einer wei­te­ren Untersuchung des Gestrüpps abhalten.

„Tante, der Besuch ist da“, schrie Daniel in den gro­ßen Hausflur hinein.

„Ja ja, ich hab’s gehört, du brauchst nicht so zu schrei­en. So alt und schwer­hö­rig bin ich nicht.“

Die wil­den Vier waren erstaunt, eine so jun­ge Frau vor­zu­fin­den. Frau Marsanek moch­te höchs­tens 35 Jahre alt sein und war recht zier­lich gebaut. Ihre dunk­len lan­gen Haare hat­te sie zu einem Zopf zusam­men­ge­bun­den. Wohl auch, damit ihre run­den Silberohrringe, so groß wie Bierdeckel, bes­ser zur Geltung kamen.

Der zap­peln­de Daniel, der auf­ge­regt dane­ben­stand, pass­te mit sei­nem ver­grau­ten Jogginganzug so gar nicht zu ihr.

„Hallo“, lach­te Jutta Marsanek den Besuch an. „Da seid ihr ja. Ich freue mich sehr, euch ken­nen­zu­ler­nen. Daniel hat viel von euch erzählt.“ Nach kur­zem Zögern füg­te sie hin­zu: „Auch wenn ich glau­be, dass er bei sei­nen Berichten wohl etwas geflun­kert hat. Aber Kommissar Greulich hat mir heu­te Morgen ja auch von euch erzählt. Ich soll euch übri­gens schön von ihm grü­ßen. Er hat mir gesagt, dass ihr mir ruhig hel­fen könnt, denn dies­mal dürf­te es kaum so gefähr­lich sein wie beim letz­ten Mal, als ihr euch mit ech­ten Banditen ange­legt habt.“ Wieder lach­te sie. „Übrigens, ihr dürft ger­ne Jutta zu mir sagen, sonst füh­le ich mich so alt. Es ist schließ­lich noch nicht so lan­ge her, dass ich selbst die Schulbank gedrückt habe.“

„Tante“, unter­brach Daniel Juttas Redefluss. „Das ist der Dalmatiner mit der schwa­chen Blase, der über­all hinpinkelt!“

Marc schau­te ihn böse an und wäre ihm am liebs­ten an die Gurgel gesprun­gen. „He, wie sprichst du über unse­ren Elvis? Pass nur auf, dass er dich nicht eines Tages auf­frisst. Allerdings besteht die Gefahr nur, wenn er kurz vor dem Verhungern ist. Er ist näm­lich sehr ver­wöhnt, wenn es ums Futter geht.“

Jutta Marsanek stand sprach­los dane­ben und schau­te von einem zum ande­ren. „Oh, ich hat­te kei­ne Ahnung, dass ihr euch nicht son­der­lich mögt, aber viel­leicht kommt ihr erst mal rein. Dann sehen wir weiter.“

Daniel, die wil­den Vier und Elvis folg­ten Jutta ins Haus. Zunächst führ­te der Weg durch eine weit­räu­mi­ge und recht hohe Eingangshalle, wie man sie vor hun­dert Jahren zu bau­en pfleg­te, als man sich noch kei­ne Gedanken über die Heizkosten machte.

Nun bog die Gastgeberin links in ein noch grö­ße­res Zimmer ab. Die Einrichtung des Wohnraumes bestand aus alten, schwe­ren Plüschsofas, geschnitz­ten Schränken und einer Menge Landschaftsbilder, die rings­um an den Wänden hingen.

„Entschuldigt bit­te, dass es hier so alt und ver­staubt aus­sieht. Ich kann ver­ste­hen, wenn es euch nicht gefällt. Mein Geschmack ist das auch nicht. Das Zeug gehört alles mei­nen Eltern, ver­mut­lich haben die es von ihren Großeltern über­nom­men. Ich kann mich nicht erin­nern, dass jemals ein neu­es Möbelstück gekauft wur­de. Einmal wur­den die Wände gestri­chen, das ist jetzt aber auch schon vie­le Jahre her.“ Sie schau­te in die Runde und füg­te hin­zu: „Dabei hät­ten es die Wände bit­ter nötig.“

„Wo sind denn eigent­lich Ihre – äh, dei­ne Eltern?“, frag­te Kerstin.

„Ach so, das wisst ihr ja noch nicht“, ant­wor­te­te Jutta.                  „Meine Eltern sind vor ein paar Wochen in ein Seniorenwohnheim gezo­gen. Mein Vater hat­te einen klei­nen Schlaganfall und für mei­ne Mutter wur­de die Arbeit, die so ein gro­ßes Haus mit sich bringt, zu viel. Der Aufwand, es zu unter­hal­ten, ist immens. Und dann noch der Garten!“

„Und jetzt wohnst nur noch du hier?“

„Ja. Aber setzt euch erst ein­mal.“ Mit der rech­ten Hand mach­te sie eine Bewegung zu einem run­den Tisch aus dunk­lem Teakholz, auf dem Gedecke, eine Teekanne und zwei Kuchen standen.

„Ja“, wie­der­hol­te sie. „Seit mei­ne Eltern ins Seniorenheim gezo­gen sind, woh­ne ich hier allei­ne. Im Moment geht das noch, weil ich eine Weiterbildung mache. Ich muss kei­ne Miete zah­len und die Hausnebenkosten wie Strom und Wasser bezah­len mei­ne Eltern. Wenn ich aber nächs­tes Jahr mit der Weiterbildung fer­tig bin, will ich mit mei­nem Freund zusam­men­zie­hen. Aber in ein klei­ne­res Haus. Meine Eltern wer­den dann das Anwesen ver­mut­lich ver­kau­fen. Vom Leerstehen wird’s ja schließ­lich nicht besser.“

„Mann, so eine Bude als Treffpunkt für die wil­den Vier, dass wär’s!“, seufz­te Marc und ver­dreh­te ver­zückt die Augen.

„Du kannst ger­ne einen Staubsauger neh­men und das gan­ze Haus durch­sau­gen. Ich bin gespannt, ob dir das Haus dann immer noch gefal­len wird. — He, was macht denn euer Hund da?“, rief Jutta entsetzt.

Die wil­den Vier dreh­ten sich um und schau­ten in die glei­che Richtung wie Jutta. „Elvis, spinnst du? Komm sofort hier­her!“, schimpf­te Marc erschrocken.

Niemand konn­te sich erklä­ren, was auf ein­mal mit dem Dalmatiner los war. Elvis ver­such­te hart­nä­ckig mit sei­nen Vorderpfoten einen auf einem Wandregal ste­hen­den Blumenstrauß zu errei­chen. Fast hät­te er die Vase mit den Blumen erwischt und wahr­schein­lich ein Desaster ver­an­stal­tet. Marc ging zu Elvis und schimpf­te mit ihm.

„He Alter, was soll das? Du kannst nicht ein­fach die Blumen unse­rer Gastgeberin klau­en. Oder woll­test du die etwa futtern?“

 „Komm, bring ihn bes­ser mit an den Tisch. Soll er lie­ber ein Stück Kuchen fres­sen als mei­ne Blumen. Den Strauß habe ich ges­tern von mei­nem Freund bekom­men“, sag­te Jutta sicht­lich erleich­tert, als der Hund end­lich von der Vase abließ.

Daniel wuss­te es wie­der mal bes­ser. „Wenn das mein Hund wäre, hät­te ich ihn bes­ser erzo­gen. Das könnt ihr aber glau­ben“, gab Daniel hoch­nä­sig an.

Da wur­de Marc aber­mals wütend auf ihn. „Und wenn du mein Mensch wärst, dann hät­te ich dich schon längst im Menschenheim abgegeben!“

Jutta ver­such­te, die Sache zu been­den. „Ich den­ke, ich wer­de euch jetzt die Geschichte von mei­nem Großvater erzäh­len. Hoffentlich wird’s für euch nicht zu langweilig.“

„Ist das der, von dem die Karte stammt?“, unter­brach sie Kevin.

„Das ist gut mög­lich. Jedenfalls behaup­tet mein Vater, dass es sei­ne Handschrift ist. Aber er war ja selbst noch ein Kind, als er sei­nen Vater, Georg Marsanek das letz­te Mal sah.“

„Was ist denn mit ihm passiert?“

„Mein Großvater war Eisenbahner. Während des Krieges war er zustän­dig für die Verwaltung und den Betrieb des Hauptbahnhofs in Ludwigshafen. Eines Tages ver­schwand er spur­los. Man rech­ne­te schon mit dem Schlimmsten. Es muss irgend­ei­nen Streit mit der Stadtverwaltung gege­ben haben, das hat mein Vater her­aus­ge­fun­den. Georg Marsanek soll angeb­lich Geld unter­schla­gen haben, das mit Postsäcken in der Bahn trans­por­tiert wur­de. Das hat sich spä­ter zwar als Falschmeldung her­aus­ge­stellt, mein Opa blieb aber trotz­dem verschwunden.“

Marc zap­pel­te vor Spannung auf­ge­regt her­um. „Ist er nie mehr aufgetaucht?“

„Danach hat ihn dann tat­säch­lich nie­mand mehr gese­hen. Erst eini­ge Jahre spä­ter, als der Krieg vor­bei war, kam von ihm ein Brief aus Südamerika. Der Brief ist inzwi­schen ver­lo­ren gegan­gen, mein Vater kennt aber den Inhalt. Es soll eine Verschwörung gegen sei­nen Vater gege­ben haben und man woll­te ihn wegen den angeb­lich ver­schwun­de­nen Geldsäcken los­wer­den. Zum Glück hat­te er recht­zei­tig Lunte gero­chen und ist vor­her abge­hau­en. Er schrieb auch, wo er sein Vermögen ver­steckt hat­te. Das Ganze hat er aber als Rätsel getarnt, das nie­mand lösen konn­te. Irgendwann war der Brief dann ver­schwun­den und mit ihm das Geheimnis um das Vermögen.“

Jutta mach­te eine Pause, griff nach ihrer Tasse und nahm einen Schluck Tee. „Mein Opa muss zwei­fel­los reich gewe­sen sein. Ihm gehör­te die­ses Anwesen und er hat­te sogar eige­nes Personal bis hin zum Gärtner. Mein Vater hat dann zwar das Haus bekom­men, das Vermögen blieb aber bis auf den heu­ti­gen Tag ver­schol­len. Seltsamerweise hat das mei­nen Vater aber nie groß inter­es­siert. Er sag­te immer, dass gro­ße Reichtümer nur Schwierigkeiten mit sich brin­gen und wir auch so genü­gend Geld zum Leben hätten.“

Nun schau­te sie gedan­ken­ver­sun­ken an die Decke. Schließlich nick­te sie ver­son­nen. „Als Kind habe ich oft davon geträumt, den Schatz zu fin­den. Was bin ich über­all her­um­ge­kro­chen. Mein Vater mach­te sich dann immer über mich lus­tig und sag­te, dass Opa Georg sei­nen Schatz wohl kaum in sei­nem Anwesen ver­steckt hät­te. Als ich grö­ßer wur­de, ver­trau­te er mir an, dass sich sein Vater ver­mut­lich samt sei­nem Geld nach Südamerika abge­setzt hat.“

Marc wur­de wegen der span­nen­den Geschichte unru­hig. Um ein Haar hät­te er sei­nen Teller samt dem Kuchen vom Tisch gewor­fen. Elvis beob­ach­te­te die gan­ze Zeit den Teller. Hechelnd war­te­te er dar­auf, dass etwas für ihn abfiel.

„Wo hast du die Karte gefun­den, die wir bei Kommissar Greulich gese­hen haben? Sie scheint ja ein wert­vol­ler Hinweis auf den Schatz zu sein“, frag­te Kerstin gespannt.

„Das war rei­ner Zufall“, erzähl­te Jutta wei­ter. „Nachdem mei­ne Eltern ins Seniorenheim gezo­gen sind, habe ich begon­nen, den Speicher zu ent­rüm­peln. Dort lie­gen vie­le Sachen her­um, die mei­nem Opa gehör­ten. Einige davon sind sogar noch älter. Zwischen ein paar Büchern habe ich die­se Karte gefun­den. Da mei­ne Mutter Kommissar Greulich gut kennt und er uns frü­her schon öfters besuch­te, kam ich auf die Idee, ihm die Karte zu zei­gen. Er mein­te, dass dar­auf ein deut­li­cher Hinweis auf den Hauptbahnhof wäre, was ich mir aber nicht vor­stel­len kann. Warum soll­te Opa Georg aus­ge­rech­net an sei­nem Arbeitsplatz sein Vermögen ver­steckt haben?“

„Sonst hast du bis­her nichts gefun­den, was einen Hinweis geben könn­te?“, hak­te Kerstin nach.

„Nein. Du ahnst nicht, was hier alles an Gerümpel und Zeug rum­steht. Bei uns wur­de nie etwas weg­ge­wor­fen. Hier könn­test du Ludwigshafens größ­ten Flohmarkt eröff­nen. Wie wäre es mit einem defek­ten Bügeleisen aus den fünf­zi­ger Jahren oder einer Tischdeckensammlung aus der Weimarer Republik? Mein Freund Sven unter­stützt mich tat­kräf­tig beim Aufräumen, wenn er Zeit hat. Eigentlich mache ich das nur, weil mich alte Sachen fas­zi­nie­ren. Die gan­ze Aktion ist sehr span­nend, weil man nie weiß, was man im nächs­ten Moment aus einer alten ver­gam­mel­ten Kiste oder einem Schrank zieht.“

In die­sem Moment fing Elvis an zu knur­ren. Die wil­den Vier schau­ten sich ein­an­der erstaunt an, denn einen Grund dafür konn­ten sie nicht erkennen.

„Was ist los mit dir, Elvis? Du hast heu­te wirk­lich einen extrem unru­hi­gen Tag. Zuerst bellst du drau­ßen ein Gebüsch an, dann willst du die Blumen fres­sen und jetzt willst du dich wahr­schein­lich noch auf unse­ren Kuchen stür­zen. Aber nicht mit uns. Du bleibst schön da lie­gen!“, schimpf­te Marc, doch Elvis war anschei­nend aus einem ande­ren Anlass auf­ge­regt. Denn es hat­te jemand das Haus betre­ten. Elvis muss­te den Fremden gewit­tert haben.

„Ach, das wird mein Freund Sven sein. Er hat einen eige­nen Schlüssel“, mein­te Jutte, als sie die Schritte vernahm.

Wie auf Kommando ging die gro­ße Doppeltür auf und ein jun­ger Mann trat ein. Elvis ließ sich nicht mehr stop­pen. Mit einem Satz war er bei Sven und ver­such­te, ihm an den Hals zu springen.

Juttas Freund war total geschockt, schließ­lich kann­te er Elvis nicht. „Hilfe, hau ab, du Köter. Jutta, was soll das Vieh in der Wohnung?“ Verzweifelt ver­such­te er, den Dalmatiner abzu­schüt­teln, der hing aber hart­nä­ckig an sei­ner Jacke und sprang ohne Unterlass an ihm hoch.

Marc hat­te sich nach einer lan­gen Schrecksekunde gefasst. „Elvis, bei Fuß!“, schrie er aus vol­ler Kehle. Doch der Dalmatiner schau­te ihn nur kurz an, bevor er wie­der an dem Mann hochsprang.

Kerstin, die näher saß, war schon auf dem Weg zu dem durch­ge­knall­ten Hund. Sie zog an sei­ner Halskette, bis er end­lich von Sven abließ. Sie schimpf­te fürch­ter­lich mit Elvis, bevor sie ihn Marc über­gab, der sei­nen Hund nun am Halsband festhielt.

Marc stam­mel­te ver­wirrt eine Entschuldigung: „Tut mir wirk­lich sehr leid. So etwas hat er noch nie gemacht. Ist ihnen etwas passiert?“

„Nein, zum Glück nicht. Ich bin nur sehr erschro­cken. Ich habe kei­ne Ahnung, was die­ses Biest von mir woll­te. Normalerweise ste­hen Hunde nicht so auf mich“, brum­mel­te Sven.

Jutta, die vor Schreck die gan­ze Zeit wie ange­wur­zelt auf ihrem Stuhl saß, stand auf und begrüß­te ihren Freund.

„Hallo Sven, so früh habe ich noch gar nicht mit dir gerech­net. Das sind übri­gens die wil­den Vier, ich habe dir von ihnen erzählt. Und den Daniel kennst du ja.“

„Ich war etwas frü­her fer­tig mit mei­ner Arbeit, und da dach­te ich, dass wir heu­te mehr Zeit für die Suche haben“, erklär­te Sven. Und zu den wil­den Vier sag­te er: „Ihr wollt also mei­ner Freundin hel­fen, das Vermögen ihres Großvaters zu fin­den? Das wird nicht nötig sein. Wenn es etwas gibt, dann fin­den wir es allei­ne. Ihr seht also, es gibt nichts für euch zu tun. Am bes­ten geht ihr heim und macht eure Hausaufgaben.“

„Aber Sven, was ist denn mit dir los?“, rief Jutta erstaunt. „Du weißt ganz genau, wie groß das Haus ist, und dass wir es nie allei­ne schaf­fen wer­den, alles zu durch­stö­bern. Kommissar Greulich hat mir erzählt, die wil­den Vier hät­ten schon so man­chen kniff­li­gen Fall gelöst. Warum soll­ten wir sie nicht mit­su­chen las­sen? Vielleicht haben sie einen guten Riecher?“

Sven grum­mel­te irgend­et­was Unverständliches vor sich hin, schenk­te sich eine Tasse Tee ein, nahm sich ein Stück Kuchen und fing ohne wei­te­ren Kommentar an zu essen.

Sandra ver­such­te, die pein­li­che Situation zu been­den. „Jutta, hast du für uns eine Kopie der geheim­nis­vol­len Karte, die wir bei Kommissar Greulich gese­hen haben?“

„Natürlich habe ich eine Kopie, Greulich hat das Original. Ich kann sie euch aber lei­der nicht mit­ge­ben, da ich selbst nur die­se eine Kopie habe. Ich weiß aber nicht, ob euch die­se Karte über­haupt wei­ter­hel­fen wird. Die ver­schie­de­nen Zeichen sind für mich die reins­ten böh­mi­schen Dörfer. Ich bin mir fast sicher, dass es irgend­et­was mit die­sem Haus zu tun hat.“

Kerstin, die Computerexpertin der wil­den Vier, zog ihr Handy aus der Tasche. „Hast du was dage­gen, wenn ich die Karte foto­gra­fie­re? Dann könn­ten wir zuhau­se ver­su­chen, damit zurecht zu kommen.“

„Na klar, darfst du das machen. Die Karte geht davon ja nicht kaputt. Oder hast du was dage­gen, Sven?“

Sven schien tat­säch­lich etwas sagen zu wol­len, aber er besann sich und blieb eine Antwort schuldig.

Kerstin hat­te die Karte auf den Tisch gelegt und zwei oder drei Aufnahmen gemacht. „Vielen Dank, Jutta. Wir wer­den uns die Karte daheim an unse­rem Computer anschau­en. Wenn wir etwas raus­be­kom­men, geben wir dir gleich Bescheid.“

„Dürfen wir mor­gen wie­der vor­bei­kom­men und bei der Suche hel­fen?“, frag­te Kevin. „Am liebs­ten wür­de ich gleich heu­te anfan­gen, aber es ist schon recht spät.“

„Ihr dürft immer kom­men, wenn ihr wollt. Dann zei­ge ich euch mor­gen das gan­ze Haus. Ihr wer­det stau­nen, wie groß es ist.“

„Und ich kom­me auf alle Fälle auch, Tante“, rief Daniel eifrig.

Die wil­den Vier lie­ßen wie auf Kommando gleich­zei­tig ihre Köpfe hän­gen. „So ein Mist, jetzt haben wie den Kerl mor­gen wie­der an der Backe“, dach­ten alle vier mehr oder weni­ger wörtlich.

Die gan­ze Gruppe stand auf. Marc hat­te nach wie vor Elvis fest im Griff, der sich anschei­nend etwas beru­higt hat­te. Nur gele­gent­lich knurr­te er noch Juttas Freund an.

„Wenn die Kids end­lich weg sind, fan­ge ich drau­ßen an, Jutta“, sag­te Sven. „Ich habe ges­tern im Garten mein Halstuch ver­lo­ren. Das muss dort irgend­wo lie­gen. Es ist das teu­re aus Seide, das du mir geschenkt hast. Das will ich auf jeden Fall wiederhaben.“

„Gut, dann fang im Garten an. Ich ver­ab­schie­de unse­ren Besuch.“

Gemeinsam ver­lie­ßen alle das Haus. Am Eingang ver­ab­schie­de­ten sich die Vier. Daniel woll­te noch etwas bei sei­ner Tante bleiben.

„Vielen Dank für alles, Jutta! Es ist wirk­lich schön hier“, sag­te Sandra. „Wir sind gespannt, ob wir das Vermögen dei­nes Opas fin­den!“ Die Vier mach­ten sich auf den Weg in ihren Clubraum. Elvis trot­te­te neben­her und war wie­der so brav wie immer.

„Mann, ist das ein Schuppen!“, rief Kevin, als sie außer Hörweite waren. „In die­sem Haus ist echt Platz ohne Ende. Ich bin auf die Führung mor­gen Mittag gespannt.“

„Ich auch“, füg­te Kerstin an. „Aber zuerst wol­len wir uns daheim mal in aller Ruhe die Karte am Computer anschau­en. Vielleicht fin­den wir einen ers­ten Anhaltspunkt.“

„Komisch, dass Jutta über­zeugt ist, dass das Vermögen im Haus ver­steckt ist, wo Kommissar Greulich meint, dass die Karte etwas mit dem Hauptbahnhof zu tun hat“, über­leg­te Marc laut.

„Tja, wir kön­nen nur hof­fen, dass Jutta Recht hat“, befand Kerstin. „Der Hauptbahnhof wur­de näm­lich in den sieb­zi­ger Jahren abge­ris­sen. Erinnert ihr euch? Dort steht jetzt das Rathauscenter. Das hat uns Greulich damals gesagt. Also, ich bin jetzt kolos­sal auf die Karte gespannt!“

Eine Viertelstunde spä­ter saßen Kevin, Marc und Sandra in ihrem Clubraum und schau­ten Kerstin zu, die die Bilder in den Computer lud und anschlie­ßend Vergrößerungen aus­druck­te. „Ich hab die Fotos vier­fach ver­grö­ßert, damit wir etwas erken­nen kön­nen“, erklär­te Kerstin, als sie die Ausdrucke an ihre Freunde verteilte.

Gespannt schau­ten alle vier auf die aus­ge­druck­ten Vergrößerungen. Es han­del­te sich offen­sicht­lich um einen Teil eines Gebäudeplanes. Deutlich waren meh­re­re Räume zu erken­nen, die mit­ein­an­der ver­bun­den waren. In den Räumen, dane­ben und auch sonst über­all auf dem Plan ver­teilt, waren selt­sa­me Buchstabengruppen verteilt.

„Die Wörter erge­ben über­haupt kei­nen Sinn“, begann Sandra die Analyse. „Das sind wahr­schein­lich alle­samt Abkürzungen.“

„Die ver­schnör­kel­te und ver­wisch­te Handschrift macht es nicht gera­de ein­fa­cher“, füg­te Kevin hinzu.

„Lasst uns mal sehen, aus wel­chen Buchstabengruppen wir etwas erken­nen kön­nen. Da steht „2UG“ und hier das glei­che und dort auch noch mal. Das scheint inter­es­sant zu sein.“

Sandra hat­te trotz der Vergrößerungen ihre Lupe zu Hilfe genom­men. „Und hier ganz oben steht „HBF“ und ein Stück rechts davon „BST4“.

„Die Raumanordnung ist eben­falls selt­sam“, ergänz­te Marc. „Das ist das reins­te Labyrinth. Ohne Karte wür­de man sich bestimmt verlaufen.“

„Wahrscheinlich sind das nur die wich­tigs­ten Räume und die weni­ger wich­ti­gen wur­den weg­ge­las­sen. Das könn­te die komi­sche Form der Gebäudestruktur erklä­ren“, ver­mu­te­te Sandra.

„Hier ste­hen auch noch Zeichen“, unter­brach Marc. „Man kann sie aber nur schwer erken­nen. Das eine sieht wie ein „Y“ aus, die­se bei­den hier wie „DG“ und das hier kann man über­haupt nicht mehr lesen.“

„Tja, das ist schon eine har­te Nuss. Zum Glück wis­sen wir jetzt, dass mit der Karte ganz klar der Hauptbahnhof gemeint ist“, stell­te Kevin sie­ges­si­cher fest.

„He, wie­so bist du dir da so sicher?“, frag­te Kerstin skep­tisch. Die ande­ren bei­den schau­ten eben­falls ver­wun­dert drein.

Frage: Woran erkann­te Kevin, dass die Karte etwas mit dem Hauptbahnhof zu tun haben musste?

Antwort: .fohnhabtpuaH nenie rüf gnuzrükbA egig­näg enie dnis FBH nebatshcuB eiD