Cover Die wilden Vier und der Schatz im Rathauskeller

Der mys­te­riö­se Freund 

Autor: Harald Schneider

„Marc, was ist heu­te mit dir los? Hör sofort auf, mit Kevin zu schwätzen!“

Herr Neumann klang sehr ver­är­gert, denn er ermahn­te Marc schon zum drit­ten Mal. Der Mathematikunterricht woll­te heu­te nicht so rich­tig in Schwung kom­men. Mal hat­ten Marc und Kevin es sehr wich­tig und stör­ten die hal­be Klasse mit ihrem Geflüster, mal waren es Sandra und Kerstin, die sich ange­regt unter­hiel­ten. Bei den Unterhaltungen dreh­te es sich natür­lich nicht um die bino­mi­schen Formeln, die Herr Neumann der Klasse erklä­ren wollte.

Die Unruhe der wil­den Vier steck­te schließ­lich auch den Rest der Klasse an, sodass der Klassenlehrer fast ver­zwei­fel­te. Mit einem „Muss ich euch erst mit einem Mathetest in der nächs­ten Stunde dro­hen?“, ver­such­te er den Unterricht zu ret­ten. Zum Glück läu­te­te in die­sem Augenblick die erlö­sen­de Pausenglocke.

Die wil­den Vier waren noch nicht rich­tig aus ihrem Klassensaal gestürmt, da rann­te ihnen Daniel win­kend entgegen.

„Hi, habt ihr was über die Karte her­aus­be­kom­men?“ Mit sei­ner Stimme über­tön­te er alle ande­ren Geräusche auf dem Flur.

„Zuerst muss unser Baby ganz schnell ler­nen, sei­ne Klappe zu hal­ten“, fuhr in Kerstin wütend an. Sie schau­te sich um, denn eini­ge Klassenkameraden waren neu­gie­rig ste­hen geblieben.

„Du klebst dir jetzt erst mal den Mund zu, und dann kommst du halt aus­nahms­wei­se mit uns. Aber das wird nicht zur Gewohnheit, verstanden?“

Gemeinsam und unter den auf­merk­sa­men Blicken man­cher Schüler gin­gen die fünf zu den Sitzbänken im Schulhof.

„Was machen wir jetzt?“, kam Marc sofort zur Sache. „Wir neh­men an, dass Opa Georg sein Geld im Hauptbahnhof ver­bud­delt hat. Jutta aller­dings denkt, dass es irgend­wo im Haus ver­steckt ist.“

„Die Karte muss nicht unbe­dingt stim­men“, gab Kerstin zu beden­ken. „Trotzdem soll­ten wir uns für alle Fälle das Haus in Ruhe anschau­en. Man kann nie wis­sen, was wir dabei so alles fin­den. Vielleicht gibt es noch mehr sol­cher Karten?“

„Ich inter­es­sie­re mich auch bren­nend für die Villa“, gab Kevin zu. „Die riecht förm­lich nach Abenteuer und Geheimnissen.“

„Und du Daniel, was machst du heu­te Mittag? Dir wird das doch bestimmt total lang­wei­lig wer­den, du kennst das Haus bestimmt in und aus­wen­dig“, ver­such­te Sandra den unge­be­te­nen Gast los­zu­wer­den. Doch Daniel blieb hartnäckig.

„Och nee, wisst ihr, allei­ne habe ich dort bis­her noch nie rum­ge­stö­bert. Ich weiß auch nicht, ob mir Tante Jutta das erlaubt hät­te. Und bis vor Kurzem wohn­ten dort ja auch noch ihre Eltern, die hät­ten das nicht zuge­las­sen. Daher gehe ich ger­ne mit euch zusam­men zu Jutta, das wird bestimmt aufregend.“

Seufzend been­de­ten die wil­den Vier das aus­sichts­lo­se Unterfangen, Daniel los­zu­wer­den. Sie muss­ten zurück in den Klassenraum, die nächs­te Stunde fing gleich an.

Herr Neumann hat­te in der nächs­ten Doppelstunde bedeu­tend weni­ger Mühe mit sei­ner Klasse. Die stö­ren­den Gespräche zwi­schen Kevin und Marc sowie Kerstin und Sandra unter­blie­ben. Alle vier dach­ten über das bis­he­ri­ge Geschehen bei Jutta nach und was heu­te Mittag wohl pas­sie­ren würde.

Dem Unterricht konn­ten sie trotz­dem nicht fol­gen. Herrn Neumann war das aus­nahms­wei­se egal, Hauptsache es herrsch­te Ruhe, wäh­rend er sei­ne end­lo­sen lehr­rei­chen Monologe herunterspulte.

Die Hausaufgaben erle­dig­ten die wil­den Vier in Rekordzeit, wenn auch auf Kosten der Qualität. Um 15 Uhr tra­fen sie sich an der Straßenbahnhaltestelle „Zum Schwanen“. Sie hat­ten Daniel zwar nichts von ihrem Treffpunkt gesagt, dass er aber trotz­dem auf sie war­te­te, wun­der­te sie über­haupt nicht mehr.

„Da bist du ja schon“, lächel­te Kerstin ihm süß­sauer zu. „Wir dach­ten, du hät­test es dir anders überlegt.“

Gemeinsam fuh­ren die vier mit Daniel und Elvis, den Marc dies­mal eng an der Leine führ­te, drei Haltestellen bis zum „Südweststadion“. Nach weni­gen hun­dert Metern hat­ten sie ihr Ziel erreicht. Ausgerechnet Juttas Freund Sven begeg­ne­ten sie im Vorgarten. Sofort fing Elvis wie­der an, unru­hig zu werden.

„Was ist denn mit dir los, Elvis?“, Langsam wur­de Marc sau­er auf sei­nen Dalmatiner. Sven mur­mel­te nur eine unver­ständ­li­che Begrüßung und ver­schwand in der Garage.

Da ent­deck­ten sie Jutta, die aus dem Haus kam. „Hallo, ihr seid pünkt­lich auf die Minute“, stell­te sie mit einem Blick auf die Uhr fest.

„Ist doch selbst­ver­ständ­lich. Schließlich wol­len wir auf Schatzsuche gehen“, ant­wor­te­te Sandra mit einem Grinsen.

Jutta Marsanek lach­te. „Langsam, lang­sam. Zuerst will ich euch das Haus zei­gen. Dann sehen wir wei­ter. Kommt rein. Übrigens, habt ihr Sven gesehen?“

„Dein Freund ist, als er uns gese­hen hat, in der Garage ver­schwun­den“, berich­te­te Kerstin. „Über unse­ren Besuch schien er sich nicht son­der­lich zu freuen.“

„Ich weiß auch nicht, was in ihn gefah­ren ist“, mein­te Jutta mit einem bedau­ern­den Schulterzucken. „Normalerweise ist er die Freundlichkeit in Person. Doch seit ges­tern ver­hält er sich komisch. Aber egal, jetzt gehen wir auf Besichtigungstour, okay?“

Die wil­den Vier und Daniel folg­ten Jutta. „Die Eingangshalle kennt ihr bereits“, begann Jutta mit der Führung. „Im Erdgeschoss gehen sämt­li­che Zimmer von die­ser Halle ab. Unterkellert ist die Villa nicht, dafür sind die ein­zel­nen Räume rie­sen­groß. Hier seht mal!“

Mit einer Handbewegung öff­ne­te sie die nächs­te Tür. Die Jugendlichen starr­ten in ein Badezimmer mit gigan­ti­schen Ausmaßen. „Dies war frü­her die Bibliothek. Bäder gab es damals noch nicht. Gleich neben­an ist die Küche, die ist noch ein Stück grö­ßer. Kommt mal mit.“

Das Staunen der fünf wur­de immer grö­ßer. Die Küche war, genau wie das Badezimmer, recht alt­mo­disch ein­ge­rich­tet. Über dem offe­nen Holzherd befand sich ein Regal, an dem Töpfe und Pfannen hingen.

„Mann, das ist ja wie im Film“, bewun­der­te Kerstin die Einrichtung. „Hier kann eine gan­ze Armada von Köchen gleich­zei­tig arbeiten.“

„Da hast du nicht mal so Unrecht. Meine Großeltern sol­len frü­her gro­ße Empfänge gege­ben haben. Da war dann rich­tig Leben in der Bude.“

„Puh, das wird schwie­rig mit der Suche.“ Kevin schüt­tel­te ungläu­big den Kopf. „Da kön­nen wir jah­re­lang suchen und haben immer noch nicht alles gese­hen. Der Schatz kann über­all ver­steckt sein.“

„Komisch, dass du den Schatz erwähnst“, nahm Jutta den Faden auf. „Jetzt wo du das sagst, fällt mir gera­de etwas ein. Ich selbst ver­mu­te, wie ich schon erwähn­te, dass mein Opa hier sein Vermögen ver­steckt hat. Aber Sven erwähn­te zuletzt öfters den ver­lo­ren gegan­ge­nen Brief. Ihr wisst schon, den mit dem Rätsel. Eigentlich will ich ihn die gan­ze Zeit über­re­den, dass wir die Suche end­lich ein­stel­len. Aber er ist so ver­narrt in die Idee, daher las­se ich ihm sei­ne Freude und hel­fe ein biss­chen mit. Ich glau­be aber trotz­dem, dass das alles nichts bringt.“

Nachdem sie den Rest der Räume im Erdgeschoss gese­hen hat­ten, gin­gen sie die knar­ren­de Treppe nach oben. Von der Empore gin­gen vier Türen ab, sowie eine klei­ne­re Stiege nach oben zum Speicher.

„Hier“, Jutta deu­te­te auf die Treppe nach oben, „geht es zum Dachboden, der voll mit Gerümpel und Kartons ist. Außerdem gibt es drei Schlafzimmer und einen lee­ren Raum, der frü­her mal als Hobbyraum für mei­nen Urgroßvater dien­te. Der hat näm­lich gemalt.“

Die Jugendlichen inspi­zier­ten sämt­li­che Räume des Obergeschoßes und gin­gen anschlie­ßend zum Dachboden. Der wirk­te wie eine rie­si­ge Halle mit schrä­gen Wänden. Überall stand Gerümpel her­um. Zum Abschluss besich­tig­ten sie den Garten. Jutta zeig­te ihnen zwei klei­ne­re Nebengebäude, die eben­falls mit aller­lei Trödel voll­ge­stopft waren. Schließlich gin­gen sie zurück ins Haus.

„Ich wür­de ger­ne noch­mal in dem gro­ßen Speicher nach­schau­en. Vielleicht ist in einem der vie­len Kartons ein Hinweis zu fin­den“, schlug Kevin vor.

Jutta nick­te zustim­mend. „Geht nur nach oben, ihr kennt ja den Weg. Da habt ihr euch den stau­bigs­ten Raum im gan­zen Haus aus­ge­sucht. Dort habe ich bis­her nur ganz wenig aus­ge­räumt. Ich trin­ke jetzt in Ruhe mei­nen Kaffee aus. Ihr könnt euch ja mel­den, wenn ihr etwas gefun­den habt.“

Die wil­den Vier stürm­ten sofort die Treppe hoch. Daniel natür­lich auch. Durch die klei­nen Dachluken drang nur wenig Sonne und die klei­ne Deckenlampe spen­de­te kaum Licht, des­halb wirk­te alles sehr düs­ter. Kerstin und Sandra schal­te­ten ihre Taschenlampen ein. Wahllos stö­ber­ten sie in den Kisten und Kartons.

Elvis fühl­te sich in dem unge­müt­li­chen und stau­bi­gen Raum wohl. Schnüffelnd such­te er sich ein beque­mes Plätzchen auf einem zer­lö­cher­tem Bettvorleger.

Die Jugendlichen wir­bel­ten bei ihrer Suchaktion viel Staub auf, der über­all zen­ti­me­ter­dick lag. In den ers­ten Kartons befan­den sich haupt­säch­lich alte Wäschestücke und ein paar hand­ge­mal­te Bilder.

„Eines weiß ich mit Sicherheit“, mein­te Marc, wäh­rend er einen wei­te­ren Karton öff­ne­te. „Ein Notebook wird da wohl nicht drin sein.“

Kerstin lach­te. „Das Modernste dürf­te der Bettvorleger sein, auf dem Elvis liegt. Und den hat­ten bestimmt schon die Neandertaler in Gebrauch!“

„Kommt mal alle her“, rief Sandra in die­sem Moment. Sie hielt einen Packen Briefe in der Hand, der mit einer Schleife zusam­men­ge­bun­den war. „Ob wir die öff­nen dürfen?“

„Na klar, die sind doch uralt“, stimm­te Marc zu. „Das stört nie­mand mehr. Los mach auf.“ Sandra zog die Schleife ab und unter­such­te auf­ge­regt die Aufschrift der Briefe.

„Hm, alles schwer zu lesen, ziem­lich ver­wit­tert und dann so ver­schnör­kelt. Der Adressat ist jedes Mal Georg Marsanek. Das sind offen­sicht­lich Briefe, die Juttas Opa bekom­men hat.“

Sie öff­ne­te den obers­ten Brief und zog ein ver­gilb­tes Blatt Papier aus dem Kuvert. „Mensch, das ist voll schwer zu ent­zif­fern. Ich ver­ste­he nur Bahnhof.“

„Wo steht da was mit Bahnhof?“, woll­te Kevin wis­sen und ver­such­te, ihr den Brief abzunehmen.

„Quatsch, das ist nur so eine Redewendung. Ich kann dar­in wirk­lich nichts Zusammenhängendes fin­den. Nur der letz­te Satz, der ist etwas deutlicher.“

Langsam las Sandra vor: „ … und hof­fe, dass du mir ver­zei­hen kannst. Dein ewi­ger Freund Herrmann Schrauber.“

„Damit kön­nen wir nicht all­zu viel anfan­gen“, seufz­te Kerstin. „Wir soll­ten die Briefe mit­neh­men und von jemand vor­le­sen las­sen, der sich mit die­ser alten Schrift auskennt.“

Da misch­te sich Daniel mit hoch­ro­tem Kopf ein. „Wie war der Name von dem Freund? Kannst du das noch mal sagen?“

„Herrmann Schrauber, war­um? Sag bloß, du kennst den? Das glaubt dir kein Mensch. Der Brief wur­de vor vie­len Jahrzehnten geschrie­ben!“ Sandra sah ihn spöt­tisch an.

„Nein, die­sen Herrmann ken­ne ich nicht.“ Daniel schüt­tel­te den Kopf. „Aber hal­tet euch fest, was ich euch zu sagen habe. Juttas Freund Sven heißt mit Nachnamen Schrauber!“

Diesmal war es Daniel tat­säch­lich zum ers­ten Mal gelun­gen, die wil­den Vier zu ver­blüf­fen. Sie schau­ten sich gegen­sei­tig an und waren sprach­los. „Bist du dir sicher, Daniel? Das ist ja die Bombe!“, rief Kerstin schließlich.

„Klar bin ich mir sicher. Was hat das jetzt aber zu bedeuten?“

„Na, kommst du nicht von allei­ne drauf?“, frag­te ihn Kevin und ver­dreh­te über Daniels Begriffsstutzigkeit die Augen. „Das ist doch son­nen­klar. Er wuss­te bereits vor­her über das Vermögen Bescheid. Und das war wohl der Grund, dass er sich bei Jutta ein­ge­schli­chen hat. Mensch, der Kerl will den Schatz fin­den und Jutta ist nur das Mittel zum Zweck. Sobald er das Geld gefun­den hat, haut er ab. Bestimmt.“

„Könnte sein“, spe­ku­lier­te Sandra. „Das wer­den wir gleich über­prü­fen. Kommt, wir gehen zu Jutta. Und kein Sterbenswörtchen von dem Brief, verstanden?“

Im Wohnzimmer ange­kom­men, fan­den sie Jutta beim Lesen einer Illustrierten vor. „Hallo Tante“, begann Daniel. „Du, weißt du zufäl­lig, wie Svens Opa heißt? Wir sind ins Gespräch gekom­men, da haben wir bemerkt, dass wir einen Jungen im Fußballverein haben, der mit Nachnamen wie Sven heißt. Kann es sein, dass der mit ihm ver­wandt ist?“

„Wie kommt ihr denn da jetzt drauf?“, woll­te Jutta wis­sen. „Keine Ahnung, ich weiß nicht, ob er einen Neffen in dem Alter hat. Bis jetzt hat er nichts davon gesagt. Svens Großvater väter­li­cher­seits hieß Herrmann mit Vornamen. Von sei­nen Großeltern müt­ter­li­cher­seits hat er mir nie erzählt.“

„Dann ist es bestimmt eine Verwechslung“, warf Kevin rasch ein. „Unser Bekannter mein­te, sein Opa hät­te Peter geheißen.“

„Schrauber ist ein häu­fi­ger Name. Aber nun erzählt mir von eurer Schatzsuche auf dem Dachboden. Habt ihr was erreicht?“

„Nein, bis­her war alles Fehlanzeige“, schal­te­te sich Sandra ein. „Du hat­test Recht, da sind tat­säch­lich Unmengen von Sachen. Man braucht Jahre, um das alles durchzusehen.“

„Ja“, fiel Kerstin ein. „Ohne Planung geht da gar nichts. Wir haben beschlos­sen, das Ganze sys­te­ma­tisch anzu­ge­hen. Wir wer­den uns einen Plan über­le­gen und dich dann wie­der besu­chen, Jutta. Ist das okay?“

„Na klar. Ich hab’s mir gedacht, dass das nicht ein­fach wird. Sagt mir Bescheid, wenn ihr eine Idee habt, wie man mit dem Chaos dort oben fer­tig wird. Meine Telefonnummer habt ihr ja.“

Die wil­den Vier ver­ab­schie­de­ten sich zusam­men mit Daniel. Sven konn­ten sie beim Verlassen des Grundstückes nir­gend­wo sehen.

„Wenigstens bleibt der uns im Moment erspart. Sonst hät­te ihn Elvis wie­der gejagt“, brumm­te Marc. „Aber sag mal, Kerstin, war­um haben wir so schnell gehen müs­sen? Ich hät­te ger­ne noch weitergesucht!“

„Würdest du ver­su­chen, ein wenig logisch zu den­ken, dann wüss­test du es bestimmt!“, fuhr ihn sei­ne Schwester an. Als Kerstin auch in den Gesichtern der ande­ren nur Fragezeichen sah, klär­te sie ihre Freunde auf: „Dass Svens Opa ein Freund von Georg Marsanek war, dürf­te wohl so gut wie sicher sein. An Zufälle die­ser Art glau­be ich nicht. Ich ver­mu­te, dass Sven die Geschichte von dem geheim­nis­vol­len Schatz von sei­nem Opa oder sei­nem Vater gehört hat. Nur aus die­sem Grund hat er sich wahr­schein­lich bei Jutta eingenistet.“

 „Und Jutta weiß wahr­schein­lich von alle­dem nichts“, füg­te Sandra mit böser Miene hin­zu. „Ihm geht’s also nur um das Vermögen von Georg.“

„Ja, so wird’s wohl sein“, über­nahm Kerstin wie­der das Wort. „Jutta hat selbst erwähnt, dass Sven nach dem Brief mit dem Rätsel sucht. Der Brief muss im Haus sein, wenn es ihn über­haupt gibt. Juttas Eltern haben ihn angeb­lich besessen.“

„Jetzt ver­ste­he ich das Ganze“, unter­brach sie ihr Bruder. „Sven sucht im Haus gar nicht das Vermögen, son­dern nur den Brief. Was nichts ande­res bedeu­tet, als dass der Schatz im Rathauscenter ist.“

„Sehr gut“, lob­te Sandra ihn mit einem Zwinkern. „Aber ob der noch dort ist, das gilt es jetzt raus­zu­fin­den. Da kam mir näm­lich vor­hin ein guter Gedanke. In der Nähe ist das Ludwigshafener Stadtarchiv. Dort darf jeder hin­ein, der sich über die Vergangenheit infor­mie­ren will. Ich den­ke, wir soll­ten uns Unterlagen über den alten Hauptbahnhof anschau­en. Also, wer kommt mit?“

Klar, dass alle mit­gin­gen. Es war nicht weit bis zur Rottstraße. Marc dreh­te sich alle paar Schritte ner­vös um, bis Daniel ihn schließ­lich frag­te: „Was ist denn? Hast du was verloren?“

„Nee, aber irgend so ein Typ läuft uns die gan­ze Zeit nach. Und immer, wenn ich mich umdre­he, ver­steckt er sich hin­ter einem Baum oder in einem Hauseingang.“

„Das wird bestimmt die­ser Sven sein“, mein­te Sandra und blick­te sich nun eben­falls um. „Ob der Lunte gero­chen hat?“

„Ich weiß nicht“, ant­wor­te­te Marc. „Irgendwie kommt mir der Verfolger klei­ner vor als Sven. Ich kann mich aber auch täu­schen. Er ist zu weit weg und dreht sich immer zur Seite, wenn ich ihn ansehe.“

„Und wenn schon, lass ihn doch“, wink­te Kevin ab. „Wir gehen bloß ins Stadtarchiv, das ist schließ­lich kein Geheimnis! Außerdem sind wir schon da.“

Auf den Stufen vor dem Eingang lun­ger­te ein Bettler her­um. Die drei schwar­zen Punkte auf sei­ner gel­ben Armbinde mach­ten deut­lich, dass er blind war. Teilnahmelos saß er hin­ter sei­nem Hut, der auf der unters­ten Stufe stand. Ohne ihn wei­ter zu beach­ten, gin­gen die fünf Jugendlichen an ihm vor­bei ins Gebäude des Stadtarchivs.

Schon der Vorraum sah geheim­nis­voll aus. Die Wände waren mit Plakaten aus alten Zeiten beklebt. Hier die Einweihung des Ebertparks vor bald 100 Jahren, dane­ben Filmplakate des alten Pfalzbaus. Insgesamt eine recht illus­tre Geschichte des jun­gen Ludwigshafens. Die fünf Jugendlichen inter­es­sier­ten die Plakate jedoch nicht. Zusammen mit Elvis, den Marc mit kur­zer Leine hielt, betra­ten sie ziel­stre­big den Hauptraum des Archivs.

Erstaunt blick­te der Archivleiter von sei­nem Schreibtisch auf, als er das Quintett bemerk­te. „Hallo, was wollt ihr denn hier? Ihr wisst schon, dass dies das Archiv ist und nicht die Jugendbibliothek?“

Misstrauisch blick­te er zunächst die Jugendlichen an, danach den Dalmatiner. Doch der blieb brav an Marcs Seite. „Ja natür­lich, das wis­sen wir“, ant­wor­te­te Kerstin. „Wir suchen Informationen über den alten Hauptbahnhof.“

Verwundert blick­te der grau­haa­ri­ge Mann sie durch sei­ne Nickelbrille an. „Nanu, das kann doch wohl nur ein Zufall sein. Ihr seid nicht die ers­ten. Heute war schon ein­mal jemand hier, der nach alten Plänen des Hauptbahnhofes such­te. Gehört ihr zusammen?“

Die wil­den Vier horch­ten auf. Nein, dass konn­te kein Zufall sein. Wer konn­te das wohl gewe­sen war?

„Es geht um ein Referat für die Schule“, log Marc. „Wir wis­sen nicht, was die­se ande­re Person woll­te. Vielleicht war es der Vater eines Klassenkameraden.“ Sandra beschrieb dem Archivar Juttas Freund.

Das leuch­te­te dem Archivar ein. Nach kur­zer Überlegung schüt­tel­te er den Kopf. „Nein, das war nicht der Mann, der vor einer Stunde bei mir war. Er war sehr kurz ange­bun­den und schien es sehr eilig gehabt zu haben.“ Er zuck­te mit den Schultern. „Dann inter­es­siert euch also auch das Kellergewölbe des Bahnhofes?“

Aha, der gro­ße Unbekannte wuss­te also auch, um was es ging.

„Genau dar­um geht es. Haben Sie Pläne, die wir uns anschau­en kön­nen? Dürfen wir die kopie­ren?“, frag­te Kevin zielstrebig.

„Immer mit der Ruhe, eins nach dem ande­ren“, wehr­te der Archivar ab. „Ich kann euch nur das Gleiche sagen wie dem Besucher vor­hin auch. Pläne gibt es, die lie­gen aber nicht so ein­fach her­um. Wir haben kilo­me­ter­wei­se Bücher und Akten, da braucht die Suche ein biss­chen Zeit. Ich den­ke, in zwei bis drei Tagen könnt ihr wie­der vor­bei­kom­men. Bis dahin habe ich euch das Gewünschte her­aus­ge­sucht. Selbstverständlich dürft ihr dann für eure Klassenarbeit Kopien anfertigen.“

„Das ist aber scha­de. So auf die Schnelle haben Sie kei­ne Unterlagen über den Hauptbahnhof?“, bet­tel­te Kerstin.

„Nein, nein, so schnell habe ich wirk­lich nichts. Allerdings habe ich den Bahnhof noch selbst erlebt. Deshalb kann ich euch sagen, dass er über rie­si­ge Kellergewölbe ver­füg­te, die teil­wei­se sogar mehr­stö­ckig waren. Aber macht euch kei­ne fal­schen Hoffnungen, da noch etwas zu fin­den. Als der Bahnhof abge­ris­sen wur­de, hat man alles zuge­schüt­tet. Davon ist abso­lut nichts mehr übriggeblieben.“

Einen Moment über­leg­te der Mann, dann schien er eine Idee zu haben. „Seid ihr aus der Schule im Stadtteil Mundenheim?“

Schweigend nick­ten die wil­den Vier.

„Dann kennt ihr bestimmt Herrn Gimpel. Der unter­rich­tet doch bei euch Geschichte?“

„Ja klar, den haben wir in Geschichte und Musik“. Marc hat­te das Thema schon abge­hakt und ant­wor­te­te ent­täuscht auf die Fragen des Archivars.

„Warum geht ihr nicht zu ihm? Er hat meh­re­re Bücher über Ludwigshafen geschrie­ben. Da waren auch Berichte über die Entstehung des Rathauscenters drin, dar­an kann ich mich gut erin­nern. Vielleicht kann der euch weiterhelfen?“

„Ja, das kann was wer­den“, über­leg­te Kerstin. „Vielen Dank. Wir wer­den Herrn Gimpel fra­gen, ob er uns hilft. Können Sie uns trotz­dem daheim anru­fen, wenn sie etwas in ihrem Archiv gefun­den haben?“

„Na klar mache ich das. Dafür bin ich schließ­lich da. Das Archiv steht für jeden offen. Auch für Schüler.“

Kerstin ging zum Schreibtisch und schrieb ihre Telefonnummer auf einen Zettel. „Vielen Dank, Sie haben uns sehr gehol­fen“. Die Jugendlichen ver­ab­schie­de­ten sich.

Daniel konn­te es kaum abwar­ten. Im Vorraum ange­kom­men, platz­te es aus ihm her­aus. „Mann, da sind noch mehr Gangster hin­ter unse­rem Schatz her. Wir müs­sen sofort zur Polizei. Das wird lang­sam gefährlich!“

„Langsam Junge“, hol­te ihn Sandra auf den Boden der Tatsachen zurück. „Du hast zu vie­le Krimis geschaut. Ich kann nicht erken­nen, dass dar­an was gefähr­lich sein soll. Im Moment wis­sen wir nur, dass es einen unbe­kann­ten Dritten gibt und der nicht iden­tisch mit Sven ist.“

„Und die­ser Typ, der uns vor­hin nach­ge­schli­chen ist? Was ist mit dem?“

„Keine Panik. Wir wären nicht die wil­den Vier, wenn wir das nicht raus­be­kom­men wür­den — He, was ist jetzt schon wie­der los?“

Elvis bekam wie­der einen sei­ner selt­sa­men Anfälle. Mit vol­ler Wucht zog er Marc die Stufen hin­un­ter und die Straße ent­lang. Kevin rann­te Marc nach, um ihm zu hel­fen. Die Mädchen stan­den mit Daniel an der Eingangstür und sahen den Dreien fas­sungs­los nach.

Elvis flitz­te mit Marc und Kevin an dem Bettler vor­bei, der nach wie vor auf den Stufen saß und ihnen etwas nach­rief.  „He, ihr zwei Jungs, passt auf. Rennt nicht so, die Straße ist gefährlich!“

Kurze Zeit spä­ter hat­te Marc die Situation wie­der unter Kontrolle. Nachdem er aus­gie­big mit sei­nem Dalmatiner geschimpft hat­te, waren die Jugendlichen end­lich für den Heimweg bereit.

Marc blieb kurz neben dem Bettler ste­hen und woll­te gera­de sei­nen Geldbeutel zücken, da stieß ihn Kerstin an und zisch­te: „Hör bloß auf, gib dem ja nichts. Das ist näm­lich ein gemei­ner Schwindler!“

Marc schau­te Kerstin erstaunt an. Was hat­te sie damit wohl gemeint?

Frage: Warum war der Bettler ein Schwindler?

Antwort: .nefua­liebrov mhi na sgnuJ iewz ssad ‚nessiw thcin nnak reltteB red­nilb niE